Selbst denken

Eine Anleitung zum Widerstand

Lebenskunst, schon bald

von Harald Welzer aus seinem Buch: Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand.

“Ihre Schlagbohrmaschine ist kaputt. Also setzen Sie sich an den Computer, klicken auf otto.de; Sie wollen sich das aktuelle Angebot zeigen lassen. Aber zu Ihrer großen Überraschung bekommen Sie kein einziges Produkt gezeigt, nachdem Sie “Bohrmaschine” in die Suchmaske getippt haben, stattdessen werden Sie gefragt: “Warum möchten Sie eine neue Bohrmaschine kaufen?”. Erstaunt antworten Sie: “Weil meine defekt ist.” Nächste Frage: “Worin besteht der Defekt? Er lässt sich möglicherweise beheben.” Auf Ihre Antwort, dass das Gerät einfach überhaupt nichts mehr tut, nennt Ihnen otto.de eine Reihe von Adressen: “Wir empfehlen Ihnen die folgenden Elektriker in Ihrer Nähe, die als Vertragspartner mit Otto zusammenarbeiten. Möchten Sie, dass wir einen Kontakt zu einem Reparateur herstellen?” Sie antworten: “Nein! Zeigen Sie mir bitte Produkte.” Daraufhin werden, wie Sie es gleich zu Anfang erwartet hatten, endlich alle verfügbaren Bohrmaschinen gezeigt. Eine ganz neue von Bosch sieht am besten aus, ein Bohrhammer mit ordentlicher Durchschlagkraft, dazu niedrigste Geräusch- und Effizienzklasse. 319,00 EUR. Was sollś? Man kauft so ein Ding ja nicht alle Tage. Also kaufen? Kaufen.

Statt nun aber auf Ihren Klick hin die Maschine in den Warenkorb zu legen, fragt otto.de schon wieder etwas: “Wie oft benutzen Sie Ihre Bohrmaschine durchschnittlich im Jahr?” Sie überlegen. Gute Frage. Na, so vier-, fünfmal werden es schon sein. Allmählich sind Sie gespannt, was nun als nächstes kommt. Otto teilt mit: “Unsere Beraterinnen und Berater sind der Auffassung, dass es sich bei Ihrer Nutzungsfrequenz nicht lohnt, so eine Maschine zu kaufen. In Ihrer Nachbarschaft hat eine Person unlängst die gleiche Maschine gekauft und sich als Leihgeber registrieren lassen. Sie können die Maschine bei ihm ausleihen.” Das wird ja immer besser, denken Sie. Wer verleiht denn seine Bohrmaschine? “Möchten Sie diese Option wählen? Wünschen Sie den Kontakt?” Klar wünschen Sie den Kontakt, jetzt schon aus Neugier. Otto berechnet 3,95 EUR für die Vermittlung, fairer Preis. Und bietet die kostenfreie Abholung der defekten Maschine an. Jetzt haben Sie 315,05 EUR gespart. Und eine Last weniger.

Auf dem Bildschirm erscheinen die Kontaktdaten des Leihgebers. Der Näumann! Hab ich mir gedacht, denken Sie, der hat sowieso alles. Aber super. Mit dem wollte ich längst mal wieder plaudern. Der hat auch so eine nette Frau. Sie klicken auf “Beenden”. Auf dem Bildschirm erscheint: “Vielen Dank, dass Sie bei Otto gefragt haben! Übrigens: Kunden, die die von Ihnen gewünschte Bohrmaschine ebenfalls nicht gekauft haben, haben auch folgende Artikel nicht gekauft: Akkuschrauber Bosch PX 17, Winkelschleifer Black & Decker WS 34/3, Werkzeugkoffer Konfix XL.”

Keine schlechte Geschichte, oder? Sie passt in eine Welt die ihre Intelligenz nicht mehr in die Vermehrung von Produkten, sondern in die der Nutzung steckt: soziale Intelligenz. Der Kollateraleffekt: Sie haben nicht nur mehr als 300 Euro gespart, sondern Ihren ökologischen Rucksack durch Nichtkonsum wesentlich leichter gehalten, als wenn Sie überflüssigerweise diese schicke Maschine gekauft hätten. Und vor allem: Sie haben mal wieder bei Näumanns reingeschaut. Natürlich war es keine Frage, dass Sie sich die Maschine ausleihen konnten. Schließlich hatte er sich ja als Leihgeber registrieren lassen. Sie haben dann aber noch ein paar Gläser Wein zusammen getrunken. Bei der zweiten Flasche haben Sie kurzerhand beschlossen, aus Ihrer Nachbarschaft eine Mikrogenossenschaft zu machen. Zusammen mit den anderen Leuten aus der Straße würden Sie jetzt einen kleinen Fonds auflegen, aus dem Rasenmäher, Gartenschläuche, Leitern und was man sonst so manchmal braucht, angeschafft und als Gemeingüter vorgehalten werden. Nach einer Erprobungsphase, in der die Nutzungsfrequenz ermittelt wird, können Sie Ihre Mikrogenossenschaft wiederum bei otto.de registrieren lassen, um andere Nutzer gegebenenfalls an ihrem Maschinenpark teilhaben zu lassen. Genial.

 

Harald Welzer, Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand. © S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am  Main

erhältlich ist das Buch hier.

Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit, Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. In den Fischer Verlagen sind von ihm erschienen: ›»Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis‹ (zus. mit S. Moller und K. Tschuggnall, 2002), ›Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden‹ (2005), ›Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben‹ (zus. mit Sönke Neitzel, 2011), Der FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2015/16 (2014), ›Selbst denken‹ (2013) und zuletzt ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.