Studienreise nach New York City

Sozialraumorientierung in der Großstadt

Willkommen auf dem Weblog der Studienreise der Diakonie nach New York City! Sie fand statt vom 29. April bis 06. Mai 2017 mit 21 Teilnehmenden aus Diakonie und Kirche. Mehr Informationen zum Anlass und Ziel der Reise finden Sie ganz unten im ersten Blogbeitrag.

Auf dieser Seite können Sie, beginnend mit dem letzten Tag, die Stationen unserer Exkursion nachlesen.

05.05.2017 Tag sechs der Studienreise

Schnell verging die Woche. Heute ist schon Freitag, der letzte Tag an dem wir Projekte besuchen, bevor wir morgen die Heimreise antreten. Auch die letzten unter uns haben sich jetzt an die Zeitumstellung gewöhnt und die Müdigkeit, die wir über die Woche aufgebaut haben, hilft uns beim Schlafen auf gleicher Höhe mit den ratternden Zügen auf der Manhattan Bridge. Wir stecken unser Metroticket sogar oft schon beim ersten Versuch richtig ins Lesegerät, wenn wir mal wieder zu einundzwanzigst in den ohnehin überfüllten Bus einsteigen.

Heute sind wir zu Gast bei der Metropolitan New York Synod of the Evangelical Lutheran Church in America. Bischof Dr. Robert Rimbo und seine Mitarbeitenden begrüßen uns herzlich und nehmen sich Zeit für Gespräch, Nachfragen und ein gemeinsames Mittagessen.

Bischof Dr. Robert Rimbo, Bezug nehmend auf die Feststellung von Reverend Martin Luther King, Jr

Metropolitan New York Synod

Still, no time of the week is more segregated than sunday mornig

Sie berichten von immer noch segregierten Gemeinden auch in New York und dem aktuellen Schwerpunktthema der Synode: Rassismus. Wir hören von ihrem Ringen um gemeinsames christliches Profil mit anderen teils streng konservativen Synoden aus den USA, von Schwierigkeiten Kirche und Diakonie zusammen zu denken, von den gemeinhin als schüchtern geltenden Lutheranern. Wieder hören wir, wie schwierig die Lage gerade in New York geworden ist mit der neuen Politik von Trump.

Wir überreichen ein Gastgeschenk, einen Regenschirm in Diakonie Lila und sammeln Lacher, als wir darauf hinweisen, dass wir als “umbrella organisation” (wörtlich Schirm-organisation, Dachverband) Regenschirme verteilen. Heute passt das Gastgeschenk richtig gut, es regnet nämlich. Die Flutwarnung, die wir alle auf unsere Handys geschickt bekommen, belächeln wir mit den Worten “hysterische Amis”. Und dann treten wir vor die Tür. Bis zum nächsten Projekt sind es 20 Minuten zu Fuß. Der Regen kommt von allen Seiten, Sturzbäche fließen die Straßen herunter.

Als wir bei Howie-the-Harp ankommen findet den Witz mit dem umbrella keiner mehr gut und wir beschließen doch lieber ein Dachverband zu sein. Das ist solider. Wir werden versorgt mit Papierhandtüchern zum Schuhe ausstopfen und mit Kaffee, Krisenintervention gehört beim Projekt in Harlem zum Tagesgeschäft. Aktuell bieten sieben Mitarbeiter*innen halbjährlich Kurse für je 40 Menschen mit psychischen Erkrankungen an. Das Besondere ist, dass es sich um eine reine Peer-to-Peer-Qualifizierung handelt. Das heißt, dass alle Mitarbeitenden von Howie-the-harp eine eigene Geschichte mit einer psychischen Erkrankung haben. Was Lorraine Maynard, die Direktorin des Programms, immer wieder betont, ist dass die Diagnose niemals das ist, was einen Menschen ausmachen darf. Ein Mensch mit Depression ist immer noch zuallererst er oder sie selbst und mit der Diagnose muss man lernen umzugehen. Wie, das lernt man bei Howie-the-harp nicht. Hier steht das Funktionieren im Vordergrund. Schon um in einen Kurs aufgenommen zu werden, muss man sich gegen Mitbewerber*innen durchsetzen. Ist die Bewerbung egozentrisch motiviert oder will der Bewerber anderen Menschen helfen? Verhalten und Anwesenheit werden während des Kurses streng kontrolliert und so können sich anbahnende Krisen früh erkannt werden. Am Ende schafft es trotzdem manchmal nur die Hälfte. Alle, die den Kurs absolviert haben, sind dann qualifiziert, in Krankenhäusern und anderen Institutionen im Gesundheitswesen als Peers mit Menschen mit psychischen Erkrankungen zu arbeiten. Dass der Einsatz von Peers bei der Behandlung und Therapie von Menschen mit psychischen Erkrankungen wirkt, zeigen zahlreiche Studien. Und das Projekt, das nach Howie dem Mundharmonikaspieler benannt ist, der die Idee hatte und das Konzept auf den Weg gebracht hat, macht Schule: In drei niederländischen Städten gibt es Ableger. http://www.howietheharp.nl/

Der letzte Termin dieser Studienreise ist das Manhattan Night Court. Hier werden von 17:00 bis 01:00 Uhr morgens Fälle verhandelt. So können unmittelbar nach Verhaftung schon rechtskräftige Urteile gesprochen werden. Mit einem Freispruch für einen Familienvater mit Frau, Job und Perspektive, der mit einer weißen Substanz erwischt wurde, geht unser Abend zu Ende. Die Richterin urteilt, man könne nicht mit Sicherheit sagen, ob die Substanz nicht Kerzenwachs gewesen sei.

Video 2: Zivilgesellschaft und Kirche in den USA

04.05.2017 Tag fünf der Studienreise

Zum ersten Mal seit wir am Samstag vom John F. Kennedy Flughafen angereist sind verlassen wir für einen Projektbesuch Manhattan. Wir fahren nach Red Hook, in ein Viertel das Anfang der 90er Schlagzeilen machte als “Crystal Capitol”, Hauptstadt der neu aufkommenden Droge. Bandenkriminalität und Drogenhandel stand auf der Tagesordnung. Die Situation gipfelte im Tod des Schulrektors, der auf dem Nachhauseweg von seinen eigenen Schülern im Kreuzfeuer erschossen wurde. Damals fiel die Entscheidung, das Red Hook Community Justice Center zu konzipieren. Ziel war und ist es, transparente Rechtsprechung unter größtmöglicher Beteiligung der Menschen vor Ort zu ermöglichen. Nach einer Befragung der Bewohner aus Red Hook stellte sich heraus, dass nicht die täglichen Schießereien und die Drogendelikte am schlimmsten für den Alltag sind, sondern die hohe Arbeitslosigkeit und Schimmel, Verfall und Dreck in den Häusern der großteils staatlichen Wohnungen. Das Besondere an dem Gericht, das Fälle mit einem Strafmaß von bis zum einem Jahr Freiheitsstrafe verhandeln darf, ist die Zuständigkeit für Strafrecht, Familienrecht und Wohnungsrechtliche Angelegenheiten. So können ganzheitliche Urteile gefunden werden. Die konsequent verfolgte Strategie der Transparenz zeigt Wirkung: Von Anfangs 60% wurde das Vertrauen der Menschen in faire Behandlung auf inzwischen 90% erhöht. Das hat wiederum positive Auswirkungen auf die Erfüllung von Auflagen und auf das Erscheinen vor Gericht. Auch finanziell lohnt sich der innovative Ansatz: Die Zahl der Fälle, in denen eine Gefängnisstrafe verhängt werden musste, ist signifikant gesunken. Möglich wird das alles erst durch eine wohltätige Organisation, die bei allen Verhandlungen neben Staatsanwalt, Anwalt und Richter mit im Saal sitzt. Sie bietet beispielsweise Suchtentzugsprogramme, welche statt einer Gefängnisstrafe verordnet werden können. Besonders beeindruckt uns das Red Hook Youth Court, in dem ca. 15 Jugendliche zwischen 14 und 18 nach einer intensiven Schulung eine Art Laiengericht bilden. Wenn ein Richter eine*n jugendliche*n Straffällige*n, meist auf Empfehlung einer Sozialarbeiterin der wohltätigen Organisation, entscheidet, einen Fall an das Jugendgericht zu überweisen, hören sie sich die Fälle an und sprechen rechtlich bindende Urteile.

Ebenfalls in Brooklyn besuchen das Arab American Family Support Center. Das Settlement House bietet, ähnlich wie das Hamilton-Madison House und wie Asian Americans for Equality (beides haben wir am Montag, 01.05.2017 gesehen), Angebote für ihre Klientel, die zumeist aus dem Nahen Osten und dem Pazifischen Raum kommt. Sie berichten, dass vor allem aus Indien, Pakistan und Bangladesch zunehmend mehr Menschen nach New York kommen. Das Projekt ist bewusst nicht religiös und hat sich zum Ziel gesetzt, präventiv Themen wie Sexualität und Gleichberechtigung zu thematisieren, um Konflikten vorzubeugen, die aus kulturellen und religiösen Missverständnissen und Vorurteilen entstehen könnten.

Am Abend treffen wir Andreas Mink. Der Bade lebt seit 20 Jahren in den USA und beschäftigt sich noch länger mit US-amerikanischer Politik und Gesellschaft. Fast zwei Stunden berichtet er von der jüngeren Geschichte der Demokratie in den USA, großes Thema ist Donald Trump und die tief gespaltene Wählerschaft in den USA. Es geht um Sozialpolitik, Eliten, Investitionen, Institutionen und um Affären. Seine persönlichen Einschätzungen ergänzt er um Erfahrungen, die er in seinen Recherchen im ganzen Land gemacht hat. Sein ungebremster Redefluss lässt uns fast vergessen, wie hungrig wir nach dem langen Tag sind. Fast…

03.05.2017 Tag vier der Studienreise

Es ist Mittwoch und wir haben acht Termine wahrgenommen und noch weitere acht liegen vor uns. Unsere Köpfe sind gefüllt mit Zahlen, Fakten und Konzepten. Wie hoch war noch gleich der staatliche Anteil des Budgets und wie viele der Mitarbeitenden waren freiwillig engagiert? Wo können Mehrgenerationenhäuser von den Erfahrungen der selbstorganisierten Settlementhouses profitieren, was können wir lernen von der Selbstverständlichkeit im Umgang mit Pluralität, in der ca. 40% der Menschen aus New York City kein Englisch sprechen? Die Reflexion der Erfahrungen und Eindrücke wird uns noch einige Zeit beschäftigen.

Unser erster Besuch des Tages ist das weltweit bekannte, weil in dieser Größe einzigartige, Jugendzentrum The Door. Jeden Tag kommen in das fünfstöckige Haus 600 Jugendliche zwischen 12 und 21. Darunter sind jeden Tag 30 bis 40, die zum ersten mal kommen. Über das Jahr finden so 10000 Jugendliche zum Projekt. Hier wird von medizinischer Versorgung und Beratung über schulbezogene, musische und gestalterische Bildungsangebote bis hin zu juristischem Beistand vor allem in Fragen rund um Migration alles angeboten, was die Teenager in ihrer Entwicklung unterstützt und ihnen Sicherheit und Freiraum gibt, die Sie zu Hause vielleicht nicht bekommen. Das ist möglich durch eigens angestelltes medizinisches Personal, 13 Anwält*innen und zahlreiche Sozialarbeiter*innen. Auch wenn viele der Jugendlichen Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit, Armut, Ausgrenzung wegen sexueller Identität und psychische Erkrankungen mitbringen, ist The Door ein Ort an dem sich Jugendliche mit ganz verschiedenen Hintergründen begegnen. Manche stehen eben auch mitten im Leben und kommen nur zum Tanzen oder für Yoga Kurse. Alle Angebote sind umsonst und es gelingt, dass die Jugendlichen Konflikte selbst lösen und schwerere Zwischenfälle ausbleiben. Nur sehr wenige der Jugendlichen kommen aus der Nachbarschaft, die allermeisten kommen aus Queens, Brooklyn, Harlem, der Bronx und allen anderen Stadtteilen in das zentral gelegene Gebäude im inzwischen fertig getrifizierten Stadtteil Chelsea. Das hat für die Jugendlichen den Vorteil von Anonymität und einem neutralen Raum, weit weg von den Problemen ihres Alltages. Für den Träger des Hauses erhöht es Fallzahlen, sodass Angebote finanziert werden können. Für uns ist diese Kommstruktur in einer zentralen Einrichtung befremdlich, widerspricht sie doch allen Prinzipien von nahräumlicher Versorgung und Sozialraumorientierung.

Weil sich die Gefühlslage einer Gesellschaft nicht nur in Gesprächen sondern auch durch Kunst erfahren lässt, haben wir für den Nachmittag eine Besichtigung des Whitney Museum eingeplant. Die Sonderausstellung Whitney Biennial 2017 zeigt auf drei Stockwerken zeitgenössische Kunst, keines der Exponate ist älter als drei Monate. Der Sprengstoff, den gesellschaftlicher Wandel unter Ausschluss ganzer Landstriche und Bevölkerungsgruppen mitbringt, zeigt sich an vielen Exponaten.

Für den Abend verabreden wir uns zum gemeinsamen Abendessen, um uns zu unseren Erwartungen an die Studienreise sowie zur Strategie der Diakonie für die nächsten Jahre auszutauschen. Wir verabreden eine gemeinsame systematische Reflexion im Nachgang der Studienreise.

Video: Ein Zwischenfazit des Diakonie Präsidenten Ulrich Lilie

02.05.2017 Tag drei der Studienreise

Es ist Kirchentag! Nicht in Wittenberg, auch nicht in Berlin, sondern in New York City. Am dritten Tag unserer Studienreise besuchen wir drei verschiedene evangelisch-lutherische Institutionen. Morgens sind wir bei Pfarrerin Miriam Groß aus Uffenheim in Unterfranken eingeladen. Seit drei Jahren und auch noch weitere drei Jahre leitet sie die Deutsche Evangelisch-Lutherische St. Pauls Kirche in Chelsea, Manhattan. Sie kommt gerade zurück von einem Wochenende mit ihren Konfirmanden, was in den USA wegen fehlender Absicherungen durch den Arbeitgeber heißt für die Jugendarbeit mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Wir stoßen mit Eistee darauf an, dass alles gut ging und besichtigen die eindrucksvolle Kirche. Regelmäßig kommen hier 40 bis 60 Gemeindemitglieder zum Sonntagsgottesdienst, es gibt 8-monatigen Konfirmandenunterricht, Kirchkaffee und weitere Angebote. Viele Gemeindemitglieder sind deutsche “Expats”, also Mitarbeitende, die von ihren Unternehmen für bis zu drei Jahre in die USA gesandt wurden. Miriam Groß hat sich vorgenommen einen Perspektivwechsel bei den Gemeidemitgliedern anzuregen: Von “I am going to church” zum “I am church”. Nur ein Schritt, den die Gemeinde auf diesem Weg gemacht hat: Statt trockenen Keksen und kaltem Kaffee gibt es jetzt ein abwechslungsreiches Lunch-Angebot.

Zu unserem zweiten Besuch beim Büro des Lutherischen Weltbundes bei der UN begleitet uns Pfarrerin Groß. Christine Mangale, Lia Hansen und Dennis W. Frado empfangen uns im 19. Stock, direkt gegenüber des UN Hauptgebäudes.

Christine Mangale

Program Coodinator, Lutheran Office for World Community

Churches will be relevant or irrelevant in the future, depending on their public voice on economic, environmental and social topics

Zu dritt haben sie einen regelrechten Bauchladen an Themen, die sie bearbeiten. Hier sind nur 17 davon: sustainabledevelopment.un.org

In Abstimmung mit vielen der ca. 2000 anderen offiziell von der UN anerkannten NGOs, vor allem aber mit den anderen “faith-based organisations” kommentieren sie aktuelle Krisen, Analysen und letztendlich auch Resolutionen. Vieles, sagt Direktor Frado, findet in inoffiziellen Gesprächsrunden statt und schon oft wurden durch die Begegnung von Aktivisten und Praktikerinnen aus der Kirche mit den Vertreter*innen ihrer Länder bei der UN Kontakte zur eigenen Regierung geknüpft und so gerade in schwierigen Situationen Gesprächskanäle geöffnet.

Unser dritter und letzter Besuch des Tages ist bei der Federation of Protestant Welfare Agencies, kurz FPWA. Emily Miles, “chief program and policy officer” und acht Kolleg*innen sind neugierig und bringen uns an den Rande unserer Englischkenntnisse. Unter ihnen sind auch zwei Vollzeit-Pastoren, die neben ihrem Vollzeitjob bei FPWA auch eigene Gemeinden betreuen – ebenfalls in Vollzeit. Vom Subsidiaritätsprinzip, dem besonderen Verhältnis von Diakonie und Kirche, bis hin zum Wohnberechtigungsschein, keine Frage bleibt unbeantwortet und kumulativ haben wir alle zu einem besseren Verständnis der Situation der jeweils anderen Situation beigetragen.

01.05.2017 Tag zwei der Studienreise

Die Studienreise nimmt Fahrt auf – Feiertag ist der 1. Mai in New York nicht. Thea Goodman ist Sozialarbeiterin, Fundraiserin, Sprach-, Musik- und Kunstkurskoordinatorin, Einrichtungsleiterin, Quartiersmanagerin und Ortskundige. In Chinatown, wo wir untergebracht sind und wo wir auch lokale Projekte besuchen, kennt sie sich aus. Erste Station am Montag ist das Hamilton-Madison Haus, wo Thea wirkt. Das Nachbarschaftszentrum bietet Angebote von frühkindlicher Bildung bis hin zu Tagespflege für Senioren. Beziehungsarbeit, sagt Thea, ist sehr wichtig und so kommt es vor, dass wenn das Vertrauen erst einmal aufgebaut ist die Kursteilnehmenden ihrem Dozenten auch vom Englisch in den Computerkurs folgen. Und dann nochmal in den Englischkurs.

Die Finanzierung der Arbeit steht auf wackeligen Beinen, Renovierungsarbeiten am Haus wurden wieder und wieder verschoben. Der Grund dafür ist nachvollziehbar, denn zu wichtig sind die vielen kaum refinanzierten Angebote für die Community. Dazu zählen zum Beispiel psychologische Hilfen für Menschen, die sich aus Angst vor Stigmatisierung in ihrem Umfeld oder auch aus Angst vor Verfolgung durch die Immigrationsbehörde nicht registrieren lassen. So können noch weniger staatliche Zuschüsse beantragt werden, die ohnehin nicht kostendeckend wären.

Der zweite Programmpunkt des Tages ist der Besuch der großen New Yorker Freiwilligenagentur New York Cares. Mit 40 Angestellten und einem Jahreshaushalt von knapp 12 Millionen USD werden jährlich 63000 New Yorker*innen mobilisiert. Mit einem ausgeklügelten Managementsystem sorgt die gemeinnützige Nichtregierungsorganisation dafür, dass jede*r Interessierte eine Freiwilligendienststelle erhält. Im 19. Stock mitten im Financial District, wo die NGO ihren Sitz hat, bekommen wir spannende Einblicke in die Ansätze der Organisation was Wirkungsorientierung, Corporate Citizenship und Fundraising betrifft.

Zwei weitere Termine stehen für den Tag auf dem Besuchsplan. Die Menge der Gastgeschenke war gut kalkuliert. Bei den Asian Americans for Equality  stehen die Hilfe mit Bürokratie, Gründerberatung inklusive Kreditvergabe – immerhin 80 Millionen USD jährlich und juristische Beratung im Vordergrund. Bald sollen die Büros in die obersten Stockwerke eines eigens geplanten Neubaus in Queens umziehen. Mit Öffentlichen Räumen im Erdgeschoss, “Inkubationsräume” für die Start-up Szene in den ersten Stockwerken. Dort wird es dann hoffentlich auch Besprechungsräume für größere Besuchsgruppen wie die unsere geben…

Was zuerst verwundert, warum die NGO mit der hauptsächlich asiatischen Zielgruppe ihren Hauptsitz aus Chinatown wegverlegt, wird uns bei dem letzten Termin des Abends klar. Ralph Blessing, ein Stadtplaner und Regionalentwickler der sein vielen Jahren in und um New York arbeitet erklärt uns, dass Chinatown nur noch die drittgrößte Asiatische Community in New York ist. An erster Stelle steht Queens, gefolgt von Brooklyn. Mehr als zwei Stunden nimmt der Dozent, der ursprünglich aus Deutschland kommt sich Zeit, um uns die Besonderheiten der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik näher zu bringen, die so groß ist wie Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart, Frankfurt und Zirndorf zusammen.


30.04.2017 Tag eins der Studenreise

Alles dabei? Eine Zahnbürste hat noch gerade so Platz

So lila dürfte wohl nur bei wenigen Reisenden der Inhalt eines Koffers aussehen, die für einen Interkontinentalflug gebucht sind. Mit vielen Gastgeschenken und noch mehr Erwartungen im Gepäck, geht es am Samstag für die Teilnehmenden der Studienreise via Frankfurt nach New York City.

Nach einem um 6 Stunden verlängerten Tag und einer kurzen Nacht, in der nicht wenige von Klima und Klimaanlagen, von Geräusch- und Lichtverschmutzung und vom Jetlag geplagt wurden, heißt es früh aufstehen für die 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland. Sie kommen aus Diakonie, Kirche und Presse und beschäftigen sich schon seit langem mit den Themen, die das Leben in Großstädten so spannend wie anstrengend machen: Alles Zwischenmenschliche wird auf engstem Raum intensiver. Wo Ausgrenzung durch Armut und entgrenzte Hedonie sich auf der Straße begegnen, sind auch Konflikte vorprogrammiert.

Erste Erkenntnis, zumindest für alle die noch nie vorher in Manhattan waren, dürfte gewesen sein, wie groß dieser mit 283km² kleinste Stadtteil New York Citys ist. Zum ersten Programmpunkt brauchen wir mehr als 90 Minuten Anfahrt.

In der Cathedral of St. John the Divine sind wir zum Gottesdienst und zum Gespräch eingeladen und werden von Mirjam Muller, erfahrene Studiosus Reiseleiterin und Kennerin der Kirche, in die Geschichte dieses Ortes eingeführt. Community stand hier schon immer im Zentrum. So befindet sich neben dem imposanten neugotischen Bau (so lang wie 2 Footballfelder und ein Football) eine Kindertagesstätte, die Büros des eigenen Food Programs, eine Kleiderkammer, und eine Suppenküche – alles auf engstem Raum. Denn so viel Platz ist in Manhattan dann eben doch nicht.

Wir haben Zeit uns mit den Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort zu unterhalten und verlieren uns auf dem Rückweg irgendwo in den 342 ha des Central Parks.

Klicken Sie sich doch durch ein paar Fotos.

Die Diakonie Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft Diakonie in der Großstadt laden Sie herzlich dazu ein, an dieser interessanten Studienreise teilzunehmen – zumindest online. Diakonie in urbanen Kontexten ist zahlreichen Entwicklungen und Transformationsprozessen unterworfen, deren Auswirkungen auf die Gestaltung diakonischer Angebote Gegenstand der Debatte in der AG DiS und in den Diskussionen zur Sozialraumorientierung in der Diakonie Deutschland sind.

Das Leben in der Großstadt ist interessant, es bietet Raum für Individualität und Vielfalt, für wirtschaftlichen Erfolg und internationale Kontakte. Städte liegen im Trend. Sie sind attraktiv. Für Reiche wie für arme Menschen, für erfolgreiche und chancenarme, für Migranten und Flüchtlinge. Neben dem Erfolg gehört auch das Scheitern zu ihrem alltäglichen Gesicht. Einsamkeit in der Masse, mangelnde Integration, Wohnungslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit sind alltägliche Erscheinungen. Das führt zu Konflikten, die ausgetragen werden müssen. Sichtbar ist die Entwicklung von Parallelgesellschaften, die Pluralisierung von Überzeugungs-landschaften, das Verschwinden kirchlicher Mehrheiten, die Zersplitterung politischer Parteien und Interessen, Konflikte um den öffentlichen und den privaten Raum.

Als Diakonie sind wir gefordert, jedem Einzelnen zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Aber als Teil des Gemeinwesens sind wir dazu aufgefordert, dieses so zu gestalten, dass Teilhabe für alle Menschen möglich wird. Neben der politischen Lobbyarbeit drückt sich dies methodisch in der sozialräumlichen Ausrichtung unserer Arbeit aus. Methoden der Gemeinwesenarbeit, des Quartiermanagements oder des Community Organizing gehören zum Standard moderner diakonischer Arbeit im urbanen Kontext.

2016 und 2017 hat die Diakonie Deutschland dies programmatisch mit dem Programm „Wir sind Nachbarn – alle“ zum Schwerpunkt gemacht. Diesem Schwerpunkt ist auch die Studienreise nach New York gewidmet.

Wir besichtigen und besuchen Ab Sonntag, dem 30.05.17 Projekte, um Fragen nachzugehen, wie: welche Rolle spielen Kirchen und Glaubensgemeinschaften in einer Pluralen Gesellschaft. Wie ist gute Sozialarbeit möglich, ohne einen ausgeprägten Sozialstaat? Wie funktioniert Inklusion in einer Großstadt mit ausgeprägten ethnischen Milieus? Wie gelingt der „persuit of happiness“ für chancenarme Menschen? Welche Rolle spielt kommunale Planung?

Die Reise wird von Ulrich Lilie (Präsident Diakonie Deutschland), Maria Loheide (Vorstand Sozialpolitik, Diakonie Deutschland) und Heinz Gerstlauer, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diakonie in der Großstadt begleitet.