Das Mehrgenerationenhaus Matthias-Claudius

Ein Gemeidezentrum der Vereinigten Evangelischen Gemeinde Bremen-Neustadt

Mary Dierssen

Familien- und Quartiersberatung im Mehrgenerationenhaus

Unser Mehrgenerationenhaus steht und fällt mit den Ehrenamtlichen

„Unser Mehrgenerationenhaus steht und fällt mit den Ehrenamtlichen“, betont Mary Dierssen aus dem Bereich Familien – und Quartier-Beratung im Mehrgenerationenhaus Matthias-Claudius im Bremer Stadtteil Neustadt. Immerhin seien derzeit etwa 50 Ehrenamtliche im Mehrgenerationenhaus aktiv. Dem gegenüber stehen gerade einmal drei Hauptamtliche: Pastorin Birgit Locnikar, Siegrid Lankenau als Küsterin und Hausmeisterin sowie Mary Dierssen selbst.
Das Herzstück des Mehrgenerationenhauses ist das Café Salute. Hier begegnen sich Menschen aller Altersgruppen aus dem Stadtteil in entspannter Atmosphäre. Acht Frauen teilen sich ehrenamtlich die Schichten im Café. Einen von ihnen ist Mona Brokamp. Die 66-Jährige ist von Anfang an dabei gewesen und hat auch schon eigene Projekte im Mehrgenerationenhaus umgesetzt. So zum Beispiel das Seniorencafé, bei dem die Rentner und Renterinnen aus dem Stadtteil zweimal im Monat eingeladen sind, sich auszutauschen, zu spielen und einen geselligen Nachmittag zu verbringen. „Ich mache es einfach gerne“, sagt Mona lächelnd, während sie Josy einen Kaffee zubereitet. „Mona ist die gute Seele des Hauses“, betont Josy, die mit ihrer Tochter Jil gerne Zeit im Mehrgenerationenhaus verbringt.

 

Das Angebot ist aber auch sehr vielseitig. Neben dem inklusiven Kindergarten, der von Hauptamtlichen betrieben und geleitet wird, mit rund 60 Kindern, einem Mittagstisch (vier Mal wöchentlich), verschiedenen Sportangeboten für Jung und Alt, speziellen Angeboten für Alleinerziehende und einer Musikschule gibt es auch wechselnde Veranstaltungen. So werden zum Beispiel die Werder-Spiele gezeigt. „Dann ist es hier immer pickepacke voll“, so Dierssen. Beliebt sei im vergangenen Jahr auch die „Beacharena“ gewesen, die mit einer Beachparty eröffnet und im Sommer für die Menschen im Stadtteil veranstaltet wurde, die nicht in den Urlaub fahren konnten. „Wir haben Sand aufgeschüttet, Strandkörbe aufgestellt und es gab alkoholfreie Cocktails“, so Dierssen. Dazu kam noch eine Reihe sommerlicher Veranstaltungen im täglichen Wechsel, wie „Wasser marsch“, ein Sandburgen-Wettbewerb, eine Schatzsuche für Kinder, Yoga am Strand“, die Seemannsmusik “Wattn Singen“ und Sonnenbaden im Strandkorb für die Erwachsenen.

 

Bei den zahlreichen Angeboten begegnen sich die Menschen – oft ist diese Begegnung für alle Seiten von Vorteil. „Im Raum neben unserem Café bieten wir PEKiP für Mütter mit ihren Babys an. Nach dem Kurs räumen die Mütter gemeinsam auf und möchten sich oft noch bei einer Tasse Kaffee austauschen oder bleiben gleich zum Mittagstisch, weil es dann im ganzen Haus so gut duftet. Ältere Damen aus dem Stadtteil haben angeboten, mit den müden Babys im Wagen ein paar Schritte spazieren zu gehen. So haben die Mütter Zeit für sich und die älteren Damen erfahren eine Art der Wertschätzung, finden einen Sinn“, erzählt Mary Dierssen. Das sei ohnehin die Idee des Mehrgenerationenhauses – ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wer etwas im Mehrgenerationenhaus nutzt – ein Angebot oder zum Beispiel die Räumlichkeiten „mietet“ – zahlt dafür nicht mit Geld. Stattdessen bietet derjenige ein Ehrenamt an, ganz nach den eigenen Fähigkeiten. So gibt es zum Beispiel Gärtner, die im Garten helfen, Musiker, die Musikunterricht anbieten oder Menschen, die Kuchen für das Café backen. „Es funktioniert“, sagt Dierssen. „Deshalb haben wir so viele Ehrenamtliche und so viele Angebote. Es macht den Menschen Spaß und grenzt niemanden aus – jeder kann etwas beitragen.“ Und irgendwann werde es ohnehin selbstverständlich. So gibt es zum Beispiel ältere Menschen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht mehr zum Mittagstisch kommen können. „Damit sie nicht isoliert werden, bitte ich eine Mutter auf dem Heimweg das Essen bei diesem Menschen vorbeizubringen. So gibt es eine kurze Begegnung, ein kurzes Gespräch.“

Das Konzept des Mehrgenerationenhauses beruht auf Salutogenese: Diesen Begriff prägte der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky. Salutogenese meint, verkürzt gesagt, dass Gesundheit als Prozess verstanden werden muss. Von Antonovskys Arbeit wurde das Konzept des Mehrgenerationenhauses abgeleitet. „So ist es uns zum Beispiel wichtig, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen und wir nicht die Defizite der Menschen wahrnehmen“, erklärt Dierssen. Ein „Diese Frau stinkt und deshalb will ich nichts mit ihr zu tun haben“ gibt es nicht im Mehrgenerationenhaus. „Jeder darf bei uns so sein, wie er ist.“ Die Ehrenamtlichen werden dahingehend alle zwei Wochen geschult, so dass das Konzept mittlerweile auch in den Stadtteil ausstrahlt.

 

Die Momente, in denen diese Vorsätze Realität werden, ist für die Menschen wertvoll – es sind wahre Glücksmomente. „Das ist bei uns ein geflügeltes Wort, denn genau das wollen wir schaffen: Glücksmomente für alle“, so Mary Dierssen. Die Religionszugehörigkeit spielt dabei übrigens keine Rolle „Unsere Angebote sind sehr weltlich, kulturell breit aufgestellt, denn unser Stadtteil ist sehr heterogen. Wir haben viele Atheisten, Muslime und kooperieren auch eng mit einer nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft.“

Alle zwei Wochen gibt es einen internationalen Mittagstisch im Mehrgenerationenhaus mit dem Namen „Heimat auf der Zunge“. Bei dieser Veranstaltung, den 20 Menschen aus dem Stadtteil und 20 Geflüchtete zusammen verbringen, wird über die Heimat geredet und sie wird auch probiert. „Wir kochen syrisch, tunesisch, afrikanisch, deutsch…unser Kochteam, acht engagierte Frauen, organisieren das Ganze. Und es gibt eine Kinderanimation, damit Mütter und Väter auch mitmachen können“ Kommuniziert wird auf Deutsch, jeder bringt etwas von dem mit, was gebraucht wird – gekocht wird gemeinsam. Das bringt die Menschen aus dem Stadtteil zusammen und hilft dabei, Hemmungen und Barrieren zu überwinden. „Dies ist ein echter Glücksmoment für uns.“

 

Das Mehrgenerationenhaus feiert im Mai übrigens das fünf-jährige Bestehen unter dem Motto: Vom Wachsen zum Werden. „Es fühlt sich schon jetzt – nach fünf Jahren – so an, als sind wir bereits geworden“, so Mary Dierssen.

Kontakt:

Mary Dierssen
Mehrgenerationenhaus Matthias-Claudius – Bremen-Neustadt
Wilhelm-Raabe Straße 1
28201 Bremen
Tel.: 0421-69665659
Familienberatung.neustadt@kirche-bremen.de

Mary Dierssen vor der Pinnwand mit Wochenangebot und Infos. Alle Fotos von Regina Gruse